Gastbeitrag: From Hero to Zero?

Heute gibt es hier auf momazine seit Ewigkeiten mal wieder einen Gastbeitrag! Martin ist Mitte zwanzig, Student, arbeitet natürlich auch neben dem Studium und ist dazu noch alleinerziehender Vater eines Kleinkindes. Was er darüber denkt, ob er es nochmal so machen würde und warum er es dennoch liebt Vater zu sein, das erzählt er euch heute in seinem Gastbeitrag:

Mitte zwanzig und glücklich gescheitert.
Als ich Vater geworden bin mit 20 Jahren, habe ich das ganze als Herausforderung gesehen und war
der festen Überzeugung, dass ich das mit meiner damaligen Frau auch alles schaffen würde.
Vielleicht war diese Naivität ganz gut, denn hätte ich gewusst, wie der Alltag und die Belastung
eines Vaters aussehen kann, wäre ich wahrscheinlich ohnmächtig geworden. Dabei war unser Kind
sehr pflegeleicht: Sie hat sofort durchgeschlafen, war ein wunderbarer Esser (wie ein
Scheunendrescher!) und selbst die Windpocken waren nach einer Woche ohne jegliche
Beschwerden wieder fort. Der Wahnsinn.
Was ich jedoch nicht bedacht hatte – weil ich es schlicht nicht besser wusste – war, dass ab dem
Zeitpunkt der Geburt alles durch einen Filter läuft: Den „Mit-Kind-Möglich?“-Filter.
Nachdem dann einige Jahre später die Trennung von meiner Ex-Frau erfolgte und die Kleine nach
kurzer Zeit zu mir zog, verließ ihre Mutter auch noch unsere Stadt und seitdem stand ich alleine da,
der Filter allgegenwärtig. Er regelt alles: Wann du aufstehst, wann du arbeitest, schläfst, einkaufst,
ließt, spazieren gehst, selbst deine Toilettengänge sind quasi an bestimmte Zeiten gebunden.

From Hero zu Zero

Das hat in der Summe für viel Frustration gesorgt, was zum Beispiel meine Lebensplanung anbelangte. Ich war damals gerade im Bachelor-Studium und hatte große Pläne. Auslandsaufenthalte, Workshops, Sprachkurse etc..Theoretisch alles machbar, wenn man sich gut mit seiner Partnerin abspricht und ihr die gleichen Rechten zugesteht. Aber das ging komplett daneben, weshalb ich jegliche Aktivitäten, die für mein erhofftes Berufsbild notwendig gewesen wären, abschreiben musste. Natürlich hätte ich auch einfach sagen können „Augen zu und durch“. Aber das wäre alles auf Kosten meiner Tochter gegangen und es ist aus meiner Sicht nicht ihre Aufgabe Teile ihrer Kindheit zu opfern, nur weil ich nicht das bekommen habe was ich wollte. Wohlgemerkt ist damit nicht gemeint, dass man sich in allen Bedürfnissen seinem Kind unterordnet. Aber sich neu auszurichten und alte Pläne zu verwerfen ist meistens unausweichlich und tut auch schon mal richtig weh.

„Ich würds nie wieder tun!“

Auch da bin ich froh jung Vater geworden zu sein. Ich habe eine Vorstellung von meiner Zukunft
hergegeben, die noch in ihren Startschuhen steckte. Für andere, die vielleicht schon deutlich
mehr erreicht und folglich auch mehr investiert und geopfert haben, muss dieser Schritt wahnsinnig
schwer sein. Nicht selten erlebe ich Väter, denen man ansieht es bereut zu haben, Vater geworden zu
sein. Nicht, dass sie ihre Kinder nicht lieben, aber plötzlich die eigenen Bedürfnisse denen eines
Kindes anzupassen, welches sich weder artikulieren, noch selber sauber machen oder alleine
essen kann, stellt viele vor eine Herausforderung, die auch manche Beziehung nicht überlebt.

Wie mache ich’s richtig?

Verschiedene Menschen lösen diese Probleme auf unterschiedliche Art und Weise. Die
schlechtesten, die ich kennenlernen musste, waren entweder den Frust an Kind und Partner
auszulassen – in jeglicher Form – oder der übermäßige „Genuss“ von Rauschgiften, zu denen ich
auch Tabak und Alkohol zähle.
Die Paare, die es besser machen, haben ihre Kommunikation deutlich angepasst. Sie haben
begonnen sich selbst zu hinterfragen, offener zu reden und sich ihre wirklichen Gedanken und
Gefühle einzugestehen, auch wenn sie aus der Norm schlagen. Jeder hat etwa mal das Bedürfnis
seinem Kind eine zu scheuern, weil man hilflos ist und nicht weiß, wie man diesem Wesen helfen kann, das vielleicht aus unergründlichen Motiven heraus tagelang immer wieder stundenlang
weint. Der Unterschied ist da, wer diesem Bedürfnis nachkommt, und wer sich beherrscht. Und falls
ein Fehler begangen wird, sich das einzugestehen, sich bei dem Kind zu entschuldigen (!) und es nicht
zu wiederholen.
Manchmal ist auch die Trennung der richtige Weg, wenn bspw. ein Partner sich weigert, sich an die
Situation anzupassen. Das ist dann schade, aber auch nicht das Ende der Welt. Ich spreche da aus
Erfahrung.
Was ich mit alldem sagen möchte, ist, dass es sehr viel Arbeit und eben auch eines großen Verzichts
bedarf, um der Rolle einer Mutter oder der eines Vaters gerecht zu werden. Aber es lohnt sich und
das immer wieder, für den Rest des Lebens. Kinder geben dir alles zurück, was du an Zeit, Mühe
und Arbeit in sie investierst. Und alte Wünsche oder Ideen vorerst aufzugeben, heißt nicht das für
immer zu tun. Manchmal ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten, die einem ohne Kind, nie passiert
wären!
Danke lieber Martin für deine wahren Worte zu einem Thema, das sicherlich nicht viele gerne so offen ansprechen! Bei den meisten ist ja grundsätzlich immer alles „Bestens“ und „Super! wenn man nachfragt“ und keiner redet wirklich darüber was er denkt und fühlt und was sich geändert hat seitdem man Kinder hat. Ich denke wir sind uns alle einig, dass es definitiv anders ist als man es sich immer vorgestellt hatte, dass man aber, sobald die Kleinen da sind, nicht mehr ohne sie leben kann und möchte! Euch allen einen schönen Sonntagabend und wer möchte kann in den Kommentaren gerne Grüße an Martin und seine kleine Tochter hinterlassen!

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